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Ein Angebot des Kompetenzzentrums Tourismus des Bundes

„Destination Shutdown“ – Was man in der Coronavirus-Krise von der Destination Südtirol lernen kann

Ein Bericht zu praktischen Fragen der Resilienz

Von Harald Pechlaner und Andreas Dibiasi, 16. März 2020

Prof. Dr. Harald Pechlaner, wissenschaftlicher Leiter des Kompetenzzentrums Tourismus des Bundes, erlebt aktuell hautnah und vor Ort, wie sich der Shutdown einer ganzen Region aufgrund der Corona-Krise anfühlt. Hier ist sein Bericht aus Südtirol. Ein wichtiges Learning für andere Destinationen.

Die Situation in Südtirol
Montag, 09.03.2020: In einer beispiellosen gemeinsamen Entscheidung kündigt Südtirols Tourismuswirtschaft im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz die sofortige Schließung aller Liftanlagen und Beherbergungsbetriebe aufgrund der Zuspitzung der Coronavirus-Krise an. Es ist ein abgestimmtes Vorgehen des Hoteliers- und Gastwirteverbandes, des Bauernbundes („Urlaub am Bauernhof“), des Verbandes der Privatzimmervermieter, des Verbandes der Seilbahnunternehmer, des Südtiroler Sanitätsbetriebes, der Standortagentur IDM sowie der Südtiroler Landesregierung. Diesem Schritt zuvor gegangen war eine intensive Auseinandersetzung zwischen den westlichen und östlichen Landesteilen über die Strategie, die Art und dem Zeitpunkt des Shutdown.

Um einen Vergleich zu bemühen: Während die Entscheidung in Südtirol auf einer Empfehlung der genannten Verbände gegenüber ihren Mitgliedern beruhte, und nach der Ankündigung am Montag spätestens zwei Tage später die letzten Gäste das Land verließen, teilten die politischen Vertreter des österreichischen Bundeslandes Tirol, dem nördlichen Nachbarn Südtirols, am Donnerstag den 12. März abends mit, dass alle Seilbahnen Tirols am 15. März und die Beherbergungsbetriebe am 16. März gesetzlich und behördlich geschlossen werden.

Die Situation in Italien
Das Robert-Koch-Institut (RKI) hatte Südtirol bereits am 5. März als vierte Region Italiens zum Risikogebiet erklärt, und das Bundesland Tirol gilt gemäß Robert-Koch-Institut (RKI) seit Samstag abends 14. März als Risikogebiet. Zuvor hatte die österreichische Bundesregierung am 13. März nachmittags das gesamte Paznauntal samt der bekannten Destinationen Ischgl und Galtür sowie St. Anton für 14 Tage unter Quarantäne gestellt. Die ausländischen Gäste wurden zur sofortigen Ausreise aufgefordert. Zur besseren Einordnung sei darauf verwiesen, dass Südtirol als nördlichste Provinz Italiens Tage früher die Frage, wie man mit der in der Zwischenzeit von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Pandemie erklärten Coronavirus-Krise umgeht, klären musste.

Italien ist von Anfang an und immer noch das Land mit der höchsten Zahl an Infizierten und Toten in Europa, Italien ist aber auch das Land, welches nach anfänglichem Zögern – nicht zuletzt aufgrund der nicht vorhandenen Erfahrung in Europa – radikale Maßnahmen setzen musste, um ein zentrales Ziel, nämlich die Verlangsamung der Ausbreitung des Virus und die Sicherstellung des Gesundheitssystems zu ermöglichen.

In der Nacht zum Sonntag den 8. März wurde Norditalien (die gesamte Region Lombardei sowie 14 weitere Provinzen) zur Sperrzone erklärt, aber bereits in der Nacht zum Dienstag den 10. März wurde ganz Italien zu einer Schutzzone („zona protetta“) erklärt, mit weitreichenden Einschränkungen bei der Bewegungs- und Reisefreiheit, gefühlt eine Art Hausarrest und jedenfalls eine Art nationale Quarantäne. Verstärkt wird dies durch die Grenzsperrungen oder „Einschränkungen im Grenzverkehr“ quer durch Europa.

Aus Südtiroler Sicht und damit aus Sicht einer Grenzregion war die österreichische Sperrung der Grenze zu Italien eine Maßnahme, die zwar großteils auf Verständnis stieß, aber eben doch auch klar machte, dass man in der Folge „eingeschlossen“ oder „ausgeschlossen“ – je nach Sichtweise – war. Nicht mehr ausreisen dürfen ist das eine – woanders nicht mehr einreisen dürfen das andere.

Viele Gäste mussten in den letzten Tagen erleben, was es bedeutet, sich mitten in Europa aufgrund der beinah überfallsartigen Schließung ganzer Destinationen überlegen zu müssen, wie man aus dem Urlaubsort wieder nach Hause kommt, vor allem wenn man auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen war, die obendrein von vielen Ländern und Regierungen im Zuge der Beschränkungen der Bewegungsdreiheit ebenso eingeschränkt werden.

Ebenso mussten viele überlegen, ob sie an ihrem Arbeitsplatz, der im zunehmend mobilen Europa auch nicht mehr selbstverständlich im selben Land wie der Hauptwohnort ist, verbleiben konnten und sollten (beispielsweise in Bayern), oder nach Hause zu den Familien beispielsweise in Italien zogen, wohl in der Vorahnung, dass sie aufgrund der sich zuspitzenden Lage in den einzelnen Ländern eingesperrt oder eben ausgesperrt würden.

Die Corona-Epidemie bzw. Pandemie offenbart unterschiedliche Notwendigkeiten und Rahmenbedingungen, unterschiedliche, aber enge zeitliche Abläufe sowie unterschiedliche Vorgehensweisen beim „Destination Shutdown“.

Zurück zu Südtirol
Anfang März waren erst rund zwei Drittel der bis dort glänzend verlaufenden Wintersaison vorbei, es gibt viel Schnee und eine große Nachfrage für das letzte Drittel der Wintersaison, welche den Frühjahrsskilauf bis Ostern umfasst. Im Winterhalbjahr 2018/19 verzeichnete Südtirol 3 Millionen Ankünfte und etwas mehr als 12 Millionen Übernachtungen, davon fallen etwa 4 Millionen Übernachtungen auf Gäste aus anderen italienischen Regionen, und gut 5 Millionen Übernachtungen auf Gäste aus Deutschland, der Rest verteilt sich auf Länder vornehmlich aus Zentral- und Osteuropa und Skandinavien, sowie die Nachbarmärkte Schweiz und Österreich. In etwa 3,5 Milliarden € Umsatz generieren das Beherbergungs- und Gastronomiewesen. Es ist dies wichtig zu betonen, um zu verstehen, dass ein derart mächtiges Destinationssystem besondere Fähigkeiten beim Shutdown entfalten muss.

Die Zahlen können in etwa einen Eindruck vermitteln, welche ökonomische und soziale Bedeutung der Tourismus insgesamt hat, und welcher Erfolgsdruck damit zusammenhängt, und zweitens war man de facto inmitten einer brummenden Saison, die es aufgrund sich radikal ändernder Rahmenbedingungen innerhalb von 48 Stunden zu beenden galt. Weiters war sofort allen Beteiligten klar, dass diese Krise sich nicht nur auf die aktuelle Wintersaison beschränkt, sondern auch massive Konsequenzen für die darauf folgende Sommersaison mit sich ziehen würde. Jahrzehntelang war das Tourismussystem Südtirol so wie die meisten im Alpenraum gewachsen und somit mehr oder weniger erfolgsverwöhnt, was den abrupten Abschied aus der laufenden Saison noch schwieriger machte.

Hotellerie: Die Gäste müssen gehen
Am Montag 9. März wurde von Seiten der Unternehmen den Gästen mitgeteilt, dass sie spätestens am Mittwoch das Hotel und die Destination zu verlassen hatten. Ein Erfolgsfaktor war gewiss der Umstand, dass die bereits am Sonntag getroffene Entscheidung über die informellen Kanäle an die Gebietsverantwortlichen der genannten Verbände in den verschiedenen Destinationen Südtirols weitergegeben werden konnte. Zum Zeitpunkt der offiziellen Pressekonferenz waren die Entrepreneure des Tourismus bereits mit den Vorbereitungen des Shutdown beschäftigt.

So gewann man Zeit, die wertvoll war bei der „Verabschiedung“ der Gäste. Allesamt hatten ihre speziellen Probleme, welche einer kurzfristigen Lösung harrten. Und es blieb genug Zeit, die Gäste entsprechend kulant und fair bei der Stornierung zu behandeln, sind diese Gäste aufgrund des hohen Stammgästeanteils doch allesamt potentiell wiederkehrende Gäste. Unterstützend dazu kam die Einrichtung einer Hotline des Hoteliers- und Gastwirteverbandes, wo praktisch täglich über Stornobedingungen und sonstige Herausforderungen informiert wurde.

Die Rolle der DMO´s
Als effektiv erwies sich in diesen Stunden auch das Management des (informellen und formellen) Informationsflusses durch die DMO’s, sprich der Tourismusvereine auf lokaler und regionaler Ebene. Das Zusammenspiel von Verbänden (als Interessensvertreter des Beherbergungssektors sowie der Liftanlagen) auf Landes- und Bezirksebene, von verschiedenen Stellen der Südtiroler Landesregierung und den einzelnen Gemeinden, den DMO‘s sowie den Betrieben selbst dürfte der eigentliche Erfolgsfaktor in der Phase des Shutdown gewesen sein.

Vielfach war man schneller als die Verordnungen der Landesregierung, zumal diese auch von den Feedbacks aus den einzelnen Regionen und ihren Erfahrungen im Umgang mit den laufend anfallenden Problemen gespeist wurden. Dies wurde besonders deutlich, als nach Abreise der Hotelgäste am Mittwoch den 11. März in vielen Destinationen klar wurde, dass es immer noch einen hohen Gästeanteil in einigen Orten Südtirols gab, an welchen man in der ersten Phase des Shutdown nicht gedacht hatte: die Eigentümer von Zweitwohnungen, ein weitverbreitetes Phänomen in vielen Top-Destinationen des Alpenraums. In Italien unterscheidet man nach Wohnsitz und Domizil. Die Zweitwohnungsbesitzer melden in den Gemeinden eine Art Zweitwohnsitz („domicilio“) an.

Am besagten Mittwoch wurde klar, dass ein beachtlicher Teil der Bewohner der Zweitwohnungen nicht daran dachten, an ihre Wohnorte zumeist in Norditalien zurück zu kehren. Und so wurde eine weitere Verordnung der Landesregierung am Donnerstag den 12. März herausgegeben, mit der klaren Anweisung an die Gemeinden bzw. an alle Zweitwohnungsbesitzer, ihre Wohnungen zu verlassen und an ihre Hauptwohnsitze zurückzukehren.

Kaum jemand wollte beispielsweise zurück in die Lombardei, die längst schon mit ihrem Gesundheitssystem an die Grenzen kam. Und so wurde eines offensichtlich: in Zeiten der Coronavirus-Krise geht es auch um den Wettbewerb der Gesundheitssysteme, wo es zuallererst darum geht, diese der eigenen Bevölkerung vorzubehalten. Im Falle einer Infektion mit Covid-19 besteht in Italien die Pflicht, sich beim Hausarzt zu melden, und dieser befindet sich in Italien ausschließlich am Hauptwohnsitz.

Die Mitarbeiter
Ein Tourismussystem lebt aber nicht nur von Gästen und Entrepreneuren, sondern im Besonderen von den MitarbeiterInnen. Dies wurde beim „Destination Shutdown“ besonders deutlich. Wie die meisten alpinen Tourismusdestinationen, lebt so ein System von den Saisonen, und damit saisonalen Arbeitskräften, die aus aller Herren Länder, vornehmlich aus Zentral- und Osteuropa, kommen.

Das abrupte Saisonende bedeutete die vorzeitige Beendigung dieser saisonalen Arbeitsverhältnisse. Niemand war darauf vorbereitet, die schnelle Einschreibung in die Arbeitslosenlisten – wie in Italien möglich -  beim Nationalen Fürsorgeinstitut zu erwirken, zumal auch die MitarbeiterInnen aus anderen Ländern Italien verlassen mussten, was viel schwerer umzusetzen war als bei den Urlaubsgästen, weil viele Grenzen von Durchzugsländern bereits geschlossen waren oder Quarantäneregelungen eingeführt wurden.

Task Force Tourismus
Die zentrale Governance des „Destination Shutdown“ war durch eine „Task Force Tourismus“ unter der Leitung der Südtiroler Standortagentur „IDM-Südtirol-Alto Adige“ gewährleistet. Die bereits oben genannten Verbände und Liftunternehmen, ergänzt durch das weltgrößte Skiverbundsystem Dolomiti Superski sowie den Campingplatzverband, bildeten diese Task Force, die mehrmals täglich mit dem landesweiten Lagezentrum und Krisenstab zum Bevölkerungsschutz in Verbindung war und sich abstimmen konnte. Alle strategischen und Detailfragen wurden dort entschieden, um sie dann direkt über die jeweiligen Verbände, die in der Task Force vertreten sind, an ihre Mitglieder bzw. die Unternehmen und Gebiete weiterzugeben.

Und diese Task Force entwickelt sich jetzt – nach Abzug der Gäste – zu einer Strategiegruppe für die Wiederaufbau des Tourismus. Zentrale Fragen, wie beispielsweise der Umgang mit Großveranstaltungen, die in den nächsten Monaten und Saisonen anstehen, müssen entschieden werden. Es waren in den letzten Tagen vor allem Disziplin, Transparenz, Ehrlichkeit, eine effiziente Kommunikationskette sowie der vorrangige Blick auf die Gesundheit der Bevölkerung, die den Destination Shutdown erleichterten. Das Investment in die langfristige Loyalität der Gäste und die Mitarbeiter der touristischen Betriebe durch kulante Behandlung war zugleich ein Investment in eine Zeit, von der man zumindest heute noch nicht sagen kann, wann sie denn kommen wird.

Sorgenvoll blicken nicht nur die Tourismusverantwortlichen des Landes aktuell auf Deutschland und die Art des Krisenmanagements. „Ungefähr neun Tage liegt Deutschland bei der Zuspitzung der Coronavirus-Krise hinter Italien. Deutschland muss in den nächsten Wochen einen guten Job machen und harte Entscheidungen treffen, sonst kommt das echte Problem für Südtirol und andere Destinationen dann, wenn der Reiseweltmeister Deutschland nicht rasch genug die Voraussetzungen zum Reisen wiedererlangt“, sagt Wolfgang Töchterle, Leiter der „Task Force Tourismus“ von IDM Südtirol-Alto Adige.

Resilienz in der Krise
Was bleibt? Die Betriebe, welche sich durch die Investitionen in Hotelanlagen verschuldet haben, müssen ihre Darlehen weiter tilgen. Auch die MitarbeiterInnen müssen ihre Mieten und Rechnungen begleichen. Das Tourismussystem wankt noch nicht, zumal Banken und Kreditgeber kurzfristig entgegenkommend sind, aber es wird so oder so eine harte Zeit für alle Beteiligten. Auch wird einer ganzen Region in Quarantäne-Zeiten mit beschränkten Ausgangsmöglichkeiten, völlig zusammengebrochenen Reisefreiheiten und nicht nur menschenleeren, sondern „gäste-leeren“ Straßen und Orten in einer Zeit, wo eigentlich Hauptsaison wäre, plötzlich klar, dass der Tourismus in dieser Region von essentieller Bedeutung ist.

Resilienz bedeutet Krisenfestigkeit und Widerstandsfestigkeit und beschreibt wie schnell sich ein Unternehmen oder eine Destination nach einem Schock wieder erholt. Die Resilienz einer Destination hängt von mehreren Faktoren (u.a. der Beschaffenheit der Gäste, dem Anteil der Stammgäste und der Anpassungsfähigkeit der Unternehmen) ab.

Resilienz kann jedoch auch eine Art Gradmesser sein, wie Länder und Regionen kritische Situationen meistern. Die Empfehlung der Verbände sowie der Landesregierung zum Shutdown hat das lokale Tourismussystem in eine Situation gebracht, über sich hinauszuwachsen. Das lokale System war nahe genug an den Gästen und Mitarbeitern dran, und das wiederum hat anstelle von Wut und Ärger eher Solidarität und Loyalität ermöglicht.

Es schaut so aus, als würde diese Krise mitsamt ihren Strukturbrüchen dazu führen, dass das lokale und regionale System gestärkt aus dieser Krise hervorgeht – dies ist auch Resilienz im Sinne von Zukunftsfähigkeit, sich eine Zukunft vorstellen zu können inmitten der vielleicht größten Krise dieses Planeten. Resilienz bedeutet aber auch, ein bestimmtes Maß an Lernfähigkeit an den Tag zu legen. In diesen Tagen und Wochen sieht man viel überstürztes Handeln auf nationaler und regionaler Ebene.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass diese Art von Krisen nicht die letzte gewesen sein dürfte. Zumal es sich um eine echte globale Krise handelt, die man allein mit nationalen und regionalen Mitteln, Instrumenten und Politiken viel schwerer lösen wird können. Ein verbindliches globales Monitoring und in der Folge abgestimmte nationale Politiken würden ein Minimum an globaler Solidarität ermöglichen, welche die Widerstandsfähigkeit auf nationaler und regionaler Ebene ohne Zweifel noch mehr stärken würde.

 

Prof. Dr. Harald Pechlaner, wiss. Leiter des Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes, Deutschland

Dr. Andreas Dibiasi, Center for Advanced Studies, EURAC research, Bozen, Italien

 

Quellen:

www.hgv.it

www.idm-suedtirol.com/de

 

 

 

 



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